Liebe Ordensjahrinteressierte,
Juni, Juli und August dieses Jahres habe ich im Rahmen des FOJs bei den Schervier-Schwestern in deren Mutterhaus in Aachen verbracht. Es war eine sehr reiche Zeit und ich möchte Euch /Sie hier etwas daran teilhaben lassen – und vielleicht Lust auf eigene Erfahrungen wecken.
Zuerst etwas zu meiner Person: seit Sommer letzten Jahres bin ich Rentnerin, zuvor war ich Lehrerin an einem Berufskolleg in NRW. Rentnerin zu sein ist eine ganz ideale Voraussetzung für die Teilnahme am FOJ: man kann frei über seine Zeit verfügen und ist krankenversichert. Das bedeutet, es gibt keinerlei Papierkrieg in der Vorbereitungsphase! Einzig und allein eine Vereinbarung zwischen dem Orden und mir, in der der zeitliche Umfang meiner Mitarbeit geregelt war, musste abgeschlossen werden. Falls sich jemand am Ende seines Arbeitslebens alt fühlen sollte, so ändert sich das im Kloster ziemlich schnell. Im Vergleich zu den Schwestern, von denen die meisten in ihren Achtzigern sind, fühlt man sich fast wie ein junger Hüpfer, wenn man noch eine Sechs an der ersten Stelle seines Lebensalters hat… Wobei diese Achtzigjährigen noch unglaublich aktiv und geistig rege sind – auch eine sehr ermutigende Erfahrung!
Dass ich in Aachen gelandet bin, war das Ende eines längeren Prozesses, in dessen Verlauf mir klar wurde, was ich eigentlich suchte. Das heißt das Mutterhaus in Aachen war nicht der einzige Konvent, den ich zum Kennenlernen besuchte. Tatsächlich wünschte ich mir, eine gewisse Zeit in einer größeren religiös geprägten Gemeinschaft mitleben zu können und dabei Menschen kennenzulernen, die ihr ganzes Leben in einer großen Gottverbundenheit verbracht haben. Beide Wünsche bekam ich in Aachen erfüllt.
Die Schervier-Schwestern sind Franziskanerinnen und somit primär caritativ tätig. Ihr Schwerpunkt war die Kranken-und Altenpflege. War – denn auch bei ihnen fehlt der Nachwuchs, wie bei so vielen Ordensgemeinschaften, jedenfalls was Deutschland betrifft. Der Orden hat weltweit Konvente und in anderen Ländern kann die Situation durchaus eine andere sein. Das Mutterhaus in Aachen ist das Zentrum der Schervier-Schwestern, wo auch die Gebeine der Ordensgründerin, Franziska Schervier, ruhen. Heute ist im Mutterhaus die Schervierstube, auf die ich gleich noch eingehen werde, untergebracht, sowie Gästezimmer sowohl für eigene Gäste als auch für Gäste von Hilfsorganisationen, die in Aachen angesiedelt sind. Das sorgt für ein gewisses internationales Flair. In kleinerem Umfang bieten die Schwestern auch Kurse zu religiösen Themen und zur Lebenshilfe an.
Und dann ist da noch die Sibirien-Hilfe, die ich eigens erwähnen möchte, weil ich sie so wichtig finde. Die Gemeinschaft unterstützt eine Reihe von sozialen Projekten in Sibirien, die durch eine Schwester aus den eigenen Reihen ins Leben gerufen wurden, mittlerweile aber in einheimischen Händen liegen. Der Orden hat sich bewusst dazu entschlossen, diese so dringend benötigte Hilfe auch unter den jetzigen politischen Gegebenheiten fortzusetzen. Das ist für mich ein Stück Friedensarbeit und Brückenbau – damit stehen die Schwestern in der Tradition des Heiligen Franziskus, der zur Zeit der Kreuzzüge das Gespräch mit dem „Feind“, dem Sultan, suchte und auch bekam.
Doch nun zurück zu mir und meiner Geschichte mit den Schwestern. In Aachen ist es die Generaloberin, Sr. Martha, persönlich, die sich um die Bewerberinnen für das FOJ kümmert, und sie macht das ganz hervorragend. Jede E-Mail wurde umgehend beantwortet und die Terminfindung für Besuche klappte auch bestens. Da ich zum Zeitpunkt unseres Erstkontaktes gerade noch in einer Massage-Ausbildung steckte, die ich auch auf jeden Fall beenden wollte, hatten wir relativ viel Zeit für den Kennenlernprozess. Ich lernte bei mehrtägigen Besuchen sowohl meine potentiellen zukünftigen Arbeitsfelder als auch die Gemeinschaft kennen sowie diese auch mich. So gelangten beide Seiten schließlich zu einer tragfähigen Entscheidung.
Mein Arbeitseinsatz war dann sehr vielfältig: ich half in der Schervierstube, einem Angebot für Obdachlose und andere bedürftige Menschen, mit. Diese Personengruppe kann dort für wenig bis gar kein Geld ein Frühstück und später auch noch eine Suppe bekommen. Viele helfende Hände sorgen dafür, dass das meist reibungslos klappt und der Friede gewahrt bleibt. Ein anderer Einsatzort war die Klosterpforte, die Drehscheibe des Klosters. Dort sah ich nachmittags viele der Gäste der Schervierstube wieder, weil hier zwischen 15 – 18 Uhr belegte Brote und süße Teilchen ausgegeben wurden, und an heißen Tagen auch Mineralwasser. Aber an der Pforte wurden auch Telefongespräche vermittelt, Gäste, die im Kloster ein Zimmer gebucht hatten, empfangen und vieles mehr.
Des Weiteren half ich in einem Seniorenzentrum mit, das vom Orden (mit-)geführt wird. Ich unterstützte die Ergotherapeutin bei ihrer Tätigkeit, brachte Bewohner von A nach B und massierte außerdem Hände. Ja, für meine neu erworbenen Massagekünste fand ich auch im Mutterhaus ein reiches Betätigungsfeld. Ich bekam so manchen verspannten Nacken oder schmerzenden Fuß in die Finger und diese Zeiten der Massage waren sehr spezielle Zeiten – sowohl für die Empfangenden als auch für mich als Gebende. Es entsteht eine große Verbundenheit, wenn man sich so nahe kommt. Zeitgleich mit mir waren auch drei italienische Schwestern zu Gast. Eine davon lernte mit Feuereifer Deutsch und in Anbetracht meines früheren Berufs als Lehrerin kam Sr. Martha auf die Idee, dass ich auch hier etwas unterstützen könnte. Das machte uns beiden viel Spaß.
Bei alledem war es Sr. Martha und der für mich zuständigen Sr. Christa Maria immer sehr wichtig, dass ich auch ja nicht zu viel machte und noch genügend Zeit zum Lesen und Entspannen hatte. Und die hatte ich wahrlich. Eine Besonderheit des Aachener Mutterhauses ist dessen Lage: es liegt mitten im Zentrum von Aachen, weniger als 10 Minuten vom Dom entfernt. Und doch ist es eine Oase der Ruhe. Wenn man durch die Klosterpforte tritt, kommt man in eine andere Welt. Es ist auf einmal ruhig und statt Asphalt blühen hier die Rosen und reifen die Äpfel. Während meiner Zeit in Aachen lernte ich auch meine beiden FOJ- Vorgängerinnen, Birgit und Heidi, kennen. Beide waren durchaus anders eingesetzt gewesen als ich – aber immer so, wie es für sie und ihre jeweilige Situation passte. Und beide zieht es immer wieder zurück ins Mutterhaus.
Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich schon vorerfahren in Sachen Klosterleben war: Ich hatte schon viele Jahre immer im Sommer eine Woche in einem Franziskanerkloster mitgelebt und war von daher mit den Gebetszeiten und der franziskanischen Spiritualität überhaupt bereits etwas vertraut. (Was nicht heißen soll, dass ich mit dem Brevier besonders gut klar kam. Bis zuletzt war ich dankbar, wenn mir eine Banknachbarin zeigte, wo wir gerade waren, wenn ich wieder mal den Anschluss verloren hatte…)
Wenn ich nun auf die Zeit in Aachen zurückblicke, bin ich sehr dankbar für die große Offenheit und die Freundlichkeit der Schwestern, mit der sie mich empfingen und bei sich mitleben ließen. Ich habe mich sehr willkommen gefühlt. Es ist ein bisschen so, als ob ich einen großen Schatz entdeckt hätte. Es sind Herzensbeziehungen entstanden und ich werde wahrscheinlich – genau wie Birgit und Heidi – immer wieder an diesen Ort zurückkehren.
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